Die sieben Jungfrauen der Schönburg

Vor langer Zeit, als die Burg Schönburg noch in voller Pracht über dem Rhein thronte und ihre roten Schiefermauern das Licht der untergehenden Sonne widerspiegelten, lebten dort sieben Schwestern von außergewöhnlicher Schönheit. Ihr Vater, ein alter Ritter, starb früh und hinterließ die Töchter unter der Obhut einer betagten Tante. Doch keine Ermahnungen konnten den eigenwilligen Geist der Mädchen zähmen. Sie waren nicht nur von bezauberndem Antlitz und anmutiger Gestalt – ihr Lachen klang wie silberne Glöckchen, ihr Haar schimmerte im Sonnenlicht, und ihre Augen strahlten mit einem Feuer, das viele mit Waldnymphen verglichen, die von den Bergen herabgestiegen waren.

Die sieben Jungfrauen der Schönburg

Der Ruhm ihrer Schönheit verbreitete sich über das ganze Tal des Mittelrheins und weit darüber hinaus. Minnesänger dichteten zärtliche Lieder zu ihren Ehren, Ritter aus benachbarten Burgen und sogar aus fernen Landen pilgerten zur Schönburg, nur um einen Blick auf diese wunderbaren Jungfrauen zu erhaschen. Turniere folgten einem nach dem anderen: Ritter in glänzenden Rüstungen kämpften um das Recht, den Schwestern Blumen zu überreichen oder ein Zeichen ihrer Gunst zu erhalten. Unter den Mauern der Burg erklangen Serenaden, und abends spiegelten die Wellen des Rheins den Schein der Fackeln wider, während das Klirren der Schwerter zu hören war.

Die sieben Jungfrauen der Schönburg

Doch die Herzen der sieben Schwestern blieben kalt wie die Schieferfelsen, auf denen ihr Stammsitz errichtet war. Kein Freier, mochte er noch so edel, reich oder tapfer sein, vermochte ihren Stolz zu brechen. Sie lachten über leidenschaftliche Geständnisse, wandten sich von Geschenken ab und wiesen selbst die hartnäckigsten Bewerber zurück. „Wozu brauchen wir Ehemänner“, sagten sie zueinander, „wenn wir doch frei sind wie die Vögel über dem Rhein?“ Ihr Eigensinn wurde zur Legende. Die einen nannten die Schwestern tugendhaft und rein, die anderen zu hochmütig und grausam.

Die sieben Jungfrauen der Schönburg

Die Jahre vergingen, und die Zahl der abgewiesenen Freier wuchs. Schließlich riss den Männern der Geduldsfaden. Eine Gruppe von Rittern, die zur Verzweiflung getrieben waren, versammelte sich am Fuße des Hügels und erklärte: Sie würden nicht eher gehen, bis wenigstens eine der Schwestern einen Gatten gewählt habe. Die Stimmung um die Burg herum wurde immer angespannter. Die Schwestern spürten, dass ihre Freiheit bedroht war. In einer stillen Nacht, als der Mond die Wasser des Rheins silbern färbte, schlichen sie sich heimlich über einen steilen Pfad hinunter zum Fluss. Dort wartete bereits ein kleines Boot, das ein treuer Diener vorbereitet hatte. Die Schwestern stiegen ein, stießen vom Ufer ab und winkten lachend zur Burg hinüber, wo ihre erzürnten Verehrer zurückblieben.

Die sieben Jungfrauen der Schönburg

Das Boot glitt rasch den Strom hinab. Die Schwestern freuten sich über ihren kühnen Streich, der Wind spielte mit ihren Schleiern, und der Rhein schien ihnen bei der Flucht zu helfen. Doch nicht weit von Oberwesel, dort, wo der felsige Vorsprung Roßstein weit in den Fluss ragt, verdunkelte sich plötzlich der Himmel. Ein starker Wind erhob sich, das Wasser begann zu brodeln, und eine gewaltige, ungewöhnlich hohe Welle – wie die zornige Hand des Rheins selbst – stürzte sich auf das zerbrechliche Boot. Im Bruchteil einer Sekunde kenterte das Boot. Mit Schreien verschwanden die sieben Schwestern in den kalten Tiefen.

Die sieben Jungfrauen der Schönburg

Als der Sturm ebenso plötzlich abflaute, wie er gekommen war, war von dem Boot keine Spur mehr zu sehen. An genau jener Stelle, wo die Schwestern versanken, erhoben sich langsam sieben Steine aus dem Flussbett – einige größer, andere kleiner. Sie standen in einer Reihe wie stumme Wächter und werden seitdem „Die sieben Jungfrauen der Schönburg“ genannt.

Die sieben Jungfrauen der Schönburg

Diese Steine sind bis heute sichtbar, besonders wenn der Wasserstand des Rheins sinkt – dann ragen sie aus der Strömung empor wie dunkle Rücken uralter Ungeheuer. Die Einheimischen nennen sie seit jeher „Hungersteine“, weil niedriges Wasser stets schwere Zeiten brachte. In der Legende jedoch wurden sie zu einer ewigen Mahnung.

Die sieben Jungfrauen der Schönburg

Man erzählt sich, dass an stillen Abenden, wenn der Rhein leise am Ufer rauscht, manchmal ein leises, trauriges Stöhnen aus dem Wasser dringt – als ob die sieben Schwestern noch immer ihre verlorene Freiheit beweinten. Nach einer alten Version der Sage werden die Mädchen erst dann Ruhe finden, wenn ein mächtiger Fürst diese Steine aus dem Fluss hebt und daraus eine Kirche am Ufer errichtet. Doch ein solcher Herrscher hat sich bis heute nicht gefunden, und so stehen die Steine weiterhin im Wasser als stumme Warnung.

Die sieben Jungfrauen der Schönburg

Die Legende lehrt eine einfache, aber zeitlose Wahrheit: Wahre Schönheit sollte nicht zu kalter Überheblichkeit werden. Ein Herz, das allzu lange aufrichtige Liebe zurückweist, riskiert, für immer zu versteinern. Deshalb schauen heute die Touristen, die zur Aussichtsplattform „Sieben-Jungfrauen-Blick“ beim alten Günderodehaus hinaufsteigen, mit besonderem Gefühl in den Fluss. Bei niedrigem Wasser tauchen die Steine auf, und jeder denkt unwillkürlich über den Preis des Eigensinns und die Zerbrechlichkeit des menschlichen Schicksals angesichts des gewaltigen Stromes nach.

Die sieben Jungfrauen der Schönburg

Die Burg Schönburg, einst Heim dieser unbeugsamen Schwestern, blickt von oben auf dieselben Wasser. Und die sieben Steine unten halten weiter ihre stille Wacht – ein Teil der romantischen Landschaft des Tals, in dem Geschichte und Märchen so eng miteinander verwoben sind, dass man sie nicht mehr trennen kann.

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