Bingen am Rhein – eine Stadt, in der der Fluss länger die Regeln bestimmte als die Menschen. Hier mündet die Nahe in den Rhein, und die Strömung verengt sich zwischen Felsen zu einer Passage – dem „Binger Loch“, wo einst ein gefährlicher Strudel tobte. Schiffe mussten vorsichtig fahren, auf günstigen Wind und einen erfahrenen Lotsen warten, denn der Wirbel konnte selbst ein starkes Schiff herumreißen und versenken. Bis ins 19. Jahrhundert galt dieser Abschnitt als der schwierigste am ganzen Mittelrhein, und erst nach ingenieurtechnischen Arbeiten wurde das Fahrwasser sicherer. Doch wer heute am Ufer steht und dem Fluss nachblickt, kann sich leicht vorstellen, welche Kraft der Rhein hier noch vor zweihundert Jahren besaß.

Brücken und Übergänge sind die ersten Zeugen der Binger Geschichte. Die steinerne Brücke über die Nahe, die „Drususbrücke“, erinnert an die Römerzeit, obwohl sie in ihrer heutigen Form aus dem Mittelalter stammt und später mehrfach umgebaut wurde. In einem ihrer Pfeiler verbirgt sich eine kleine Kapelle – fast unscheinbar, aber ein Hinweis darauf, wie die Menschen den Fluss nicht nur mit Technik, sondern auch mit Gebeten zu zähmen versuchten.

Etwas weiter rheinabwärts erhebt sich der Mäuseturm. Heute ist er eher ein Wahrzeichen als ein Wehrturm. Seine Silhouette auf der Insel kennt jeder, der den Rhein befährt. Die Legende vom habgierigen Erzbischof Hatto, den die Mäuse zerfraßen, ist eine schöne Geschichte, doch in Wahrheit diente der Turm als Zoll- und Wachturm. Von hier aus konnte man die Schiffe im gefährlichen Binger Loch überwachen. Erst im 19. Jahrhundert, in der Zeit der Romantiker, verknüpfte man den Turm mit der Sage, die bis heute zum Bild des Rheins gehört.

Direkt am Wasser steht noch der alte Rheinkran – eine massive Holzkonstruktion aus dem 15. Jahrhundert, mit der Fässer, Salzsäcke und Ballen verladen wurden. Wenn man davorsteht, kann man sich vorstellen, wie Arbeiter in den riesigen Laufrädern liefen und ihre Muskelkraft in Bewegung verwandelten. Kein Museumsmodell, sondern ein echtes Werkzeug vergangener Jahrhunderte.

Steigt man höher hinauf, erreicht man die Burg Klopp. Von ihren Mauern überblickt man den Knotenpunkt von Nahe und Rhein. Die Burg wurde oft zerstört und wiederaufgebaut, doch ihre Türme ragen bis heute über die Stadt und erinnern daran, dass Bingen nicht nur ein Handelsplatz, sondern auch ein strategisch wichtiger Ort war.

Auf der anderen Seite erhebt sich der Rochusberg. Oben thront die Rochuskapelle, errichtet nach der Pest und nach einem Brand neu geweiht. 1814 war Goethe hier und beschrieb die Weihe des Gotteshauses. Von diesem Hügel aus eröffnet sich der Blick auf die Weinberge und die Rheinschleife – jene Landschaft, die Maler und Dichter des 19. Jahrhunderts inspirierte.

Eine stille Seite der Stadt verbirgt sich in der Krypta der Basilika St. Martin. Unter den Gewölben sind Spuren frühchristlicher Architektur erhalten. Das Halbdunkel, das Licht der Fenster und der Geruch von Stein lassen die Zeit hier langsamer fließen.

Und doch ist all das kein Museum, sondern eine lebendige Stadt. Studenten ziehen durch die Straßen, am Ufer finden Weinfeste statt, und im „Kulturufer“ erklingen Konzerte. Neben dieser Lebendigkeit bleiben Fluss und Stein, die daran erinnern: Bingen existierte lange vor uns – und wird auch weiterbestehen.
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