Bacharach ist eine kleine Stadt am linken Ufer des Rheins, die man leicht übersehen kann, wenn man einfach die Straße entlang des Flusses entlangrast oder mit der Fähre vorbeifährt, ohne an Land zu gehen. Doch sobald man einmal anhält, den Fuß auf eine gepflasterte Gasse setzt und sich in ihren Gassen verlaufen lässt, dringt sie einem für immer unter die Haut. Hier gibt es keinen lauten touristischen Tand, kein Bestreben, sich vor den Kameras in Szene zu setzen. Bacharach lebt einfach. Schon seit mehr als tausend Jahren steht es an seinem Platz, wo das Steeger Tal auf den Rhein trifft, und es scheint, als fließe die Zeit hier nicht, sondern kreise langsam, wie der Herbstnebel über den Weinbergen.

Die Stadt versucht nicht, die schönste im Mittelrheintal zu sein. Sie ist einfach da – in sich geschlossen, ein wenig von den Jahrhunderten gezeichnet und doch erstaunlich lebendig. Sie gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe zusammen mit diesem gesamten bemerkenswerten Tal, doch im Gegensatz zu den bekannteren Nachbarn herrscht hier kein Gefühl einer Inszenierung. Bacharach wirkt wie ein Ort, an dem die mittelalterliche Anlage noch immer den Lebensrhythmus bestimmt: enge Gassen, steile Anstiege, der Geruch von altem Stein und von dem Wein, der hier schon zu Römerzeiten angebaut und getrunken wurde.

Der Name der Stadt geht nach einer Version auf einen „Altar des Bacchus“ zurück — den römischen Gott des Weins. Und das ist nicht bloß eine schöne Legende. Weinberge bedecken die steilen Hänge um Bacharach seit undenklichen Zeiten. Schon in keltischer und römischer Zeit baute man hier die Rebe an, und im Mittelalter wurde die Stadt eines der wichtigsten Zentren des rheinischen Weinhandels. Wegen des gefährlichen Flussabschnitts — dem Binger Loch, wo große Schiffe nicht durchkommen konnten — wurden die Weinfässer hier umgeladen: von kleinen Schiffen auf größere. „Bacharacher“ nannte man diesen Wein, und er war weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt. Man sagt, selbst Papst Pius II. habe ihn bevorzugt und fassweise nach Rom bestellt. Heute gilt der Riesling von diesen Hängen nach wie vor als einer der charakteristischsten Weine der Mittelrheinregion. Die Weinberge sind keine Kulisse. Sie sind ein Teil des Körpers der Stadt. Man geht durch sie, pflegt sie von Hand, weil die Hänge für Maschinen zu steil sind.

Nähert man sich Bacharach von der Flussseite, fällt einem zuerst die Stadtmauer ins Auge. Der Bau begann 1344 und wurde um 1400 abgeschlossen. Einst umgab sie die Stadt fast vollständig, mit sechzehn Türmen. Heute sind beträchtliche Abschnitte und mehrere Türme erhalten — der Postenturm, der Marktturm, das Kranentor, der Liebesturm und andere. Sie stehen nicht als Museumsexponate da. Sie sind in den Alltag eingebunden: jemand wohnt in der Nähe, jemand nutzt sie als Orientierungspunkt, und abends werden sie sanft beleuchtet, ihre Schatten fallen auf die Fachwerkhäuser, als erinnerten sie daran, dass die Stadt sich einst zu verteidigen wusste.

Man tritt durch eines der alten Tore ein — zum Beispiel durch das Kranentor, wo einst ein Kran zum Verladen der Waren vom Fluss stand — und befindet sich sogleich in einer anderen Epoche. Die Gassen sind eng, mit unebenem Stein gepflastert, die Häuser stehen dicht an dicht, fast Schulter an Schulter. Viele von ihnen sind klassisches Fachwerk: ein Holzgerüst, ausgefüllt mit Ziegeln oder Putz, die Balken vom Alter nachgedunkelt. Das berühmteste ist das Alte Haus am Marktplatz. Seine Geschichte reicht bis ins Jahr 1368 zurück, obwohl das heutige Erscheinungsbild sich 1586 herausbildete. Rotes Fachwerk, geschnitzte Details, Fenster mit feiner Sprossenteilung — es wirkt, als sei es erst gestern fertiggestellt worden. Heute beherbergt es ein Weinhaus, in dem man genau diesen lokalen Wein kosten kann. Daneben liegt der alte Posthof, wo einst die Pferde gewechselt und Nachrichten aus fernen Ländern empfangen wurden.

Genau im Zentrum steht die Peterskirche. Ihr Bau begann um 1230–1240 im spätromanischen Stil mit Elementen der frühen Gotik. Es ist kein gewaltiger Dom, sondern eine Stadtkirche von menschlichem Maß und warmer Atmosphäre. Die hohen Fenster lassen das Licht so ein, dass es selbst an trüben Tagen innen heller wirkt als draußen. Erhalten sind Fresken, ein geschnitzter Altar und das Gefühl, dass Generationen von Bacharacher Bürgern hierhergekommen sind — um zu beten, zu heiraten, ihre Angehörigen zu bestatten. Die Kirche ist kein Museum. In ihr wird noch heute Gottesdienst gehalten, und die Stimme der Orgel trägt manchmal über den Platz und vermischt sich mit dem Rauschen des Windes vom Rhein.

Doch die wahre Seele Bacharachs offenbart sich, wenn man höher steigt — auf dem Pfad, der von der Altstadt den Hang hinaufführt. Zuerst geht man an den Weinbergen vorbei, wo die Reben sich an die steinernen Terrassen klammern, und gelangt dann zu den Ruinen der Wernerkapelle. Das ist einer der ergreifendsten Orte der Stadt. Der Bau der Kapelle begann um 1289 und zog sich über mehr als hundertvierzig Jahre hin — bis in die 1430er Jahre. Gotische Bögen, schlanke Säulen, die einst leuchtenden Buntglasfenster — all das ist heute dem Himmel geöffnet. Das Dach stürzte 1689 ein, als französische Truppen die Burg oben sprengten und die Trümmer herabrollten. Die Ruinen stehen als Erinnerung daran, wie zerbrechlich selbst das scheinbar Unzerstörbare ist.

Mit diesen Ruinen ist eine der schwersten Geschichten Bacharachs verbunden. Im Jahr 1287 ereignete sich hier eine Tragödie, die zum Anlass für den Bau der Kapelle wurde. Der mittelalterlichen Legende nach wurde ein Junge namens Werner ermordet aufgefunden, und das führte zu schrecklichen Pogromen gegen die jüdischen Gemeinden der Region. Die Kapelle wurde ihm zu Ehren errichtet, und lange Jahrhunderte kamen Pilger hierher. Heute steht bei den Ruinen eine Gedenktafel mit einem Gebet von Papst Johannes XXIII., die an die Opfer jener Zeit erinnert und zum Frieden mahnt. Die Ruinen romantisieren die Vergangenheit nicht — sie lassen nachdenken. Man steht dort, der Wind bewegt das Gras zwischen den Steinen, und man begreift, wie tief die Geschichte in die Landschaft verwoben ist.

Der Pfad führt noch weiter hinauf — zur Burg Stahleck. Sie steht auf dem Felsen über der Stadt wie ein Wächter. Die Burg wurde im 12. Jahrhundert auf Befehl des Kölner Erzbischofs errichtet. Der Name bedeutet ungefähr „stählerner Felsen“ oder „unbezwingbare Ecke“ — und tatsächlich galt sie lange Zeit als uneinnehmbar. Hier lebten die Pfalzgrafen, erhoben Zoll von den vorbeifahrenden Schiffen und kontrollierten den Handel. Die Burg erlebte Belagerungen, Machtwechsel, Blüte und Niedergang. 1689, während des Pfälzischen Erbfolgekriegs, sprengten französische Truppen sie. Die Mauern stürzten ein, die Türme zerbarsten. Zwei Jahrhunderte lag sie in Trümmern. Wiederhergestellt wurde sie im 20. Jahrhundert — 1909–1913, und endgültig instand gesetzt bis 1925–1927. Heute beherbergt sie eine Jugendherberge — eine der bekanntesten in Deutschland. Reisende aus aller Welt übernachten hier, und morgens öffnet sich aus den Fenstern ein Blick, der den Atem stocken lässt: ganz Bacharach unten wie auf der Hand, der Rhein glänzt, die Weinberge ziehen die Hänge hinauf.

Von der Höhe der Burg aus wird besonders deutlich, wie organisch hier alles angelegt ist. Die Stadt wuchs nicht in die Breite — sie wuchs nach oben und in sich hinein. Die Straßen folgen dem Relief des Hügels. Die Mauern schützten einst vor Feinden, heute schützen sie die Atmosphäre. Die Türme — der Postenturm, der einst als Wasserreservoir diente, der Marktturm am Marktplatz, wo im Mittelalter Wein gehandelt wurde, das Kranentor am Fluss — stehen wie Wächter. Einige sind teilweise zerstört, doch gerade das verleiht ihnen Lebendigkeit. Keine Museumsstücke, sondern echte, mit Moos, Rissen und Geschichte in jedem Stein.

Steigt man wieder hinab in die Stadt und geht die Hauptstraße entlang — die Oberstraße —, sieht man, wie Vergangenheit und Gegenwart sich verflechten. In den Fachwerkhäusern wohnen Menschen. Unter den Häusern liegen die Weinkeller. In den Cafés am Platz serviert man Riesling und einfache rheinische Kost: Würstchen, Kartoffeln, frisches Brot. Im Sommer füllt sich die Stadt mit Stimmen — Touristen, doch keine Menschenmassen, sondern solche, die gerade wegen der Atmosphäre kommen. Im Winter herrscht Stille, Rauch aus den Schornsteinen, und es scheint, als sei die Zeit irgendwo im 15. Jahrhundert stehengeblieben.

Bacharach hat vieles überstanden. Im Mittelalter erreichte die Einwohnerzahl sechstausend — für damalige Verhältnisse eine große und reiche Stadt. Sie war frei, besaß Rechte, handelte und wurde wohlhabend. Dann kamen der Dreißigjährige Krieg, die Pest, Brände, französische Einfälle. 1689 litt die Stadt schwer. Man nannte sie die „Kuckucksstadt“ — die alten Bewohner seien fortgezogen, und Neue hätten die leeren Häuser besetzt wie der Kuckuck in fremdem Nest. Dann kamen Napoleon, die preußische Zeit, der Niedergang, als der Hafen versandete und der Handel fortzog. Doch im 19. Jahrhundert kam die Romantik des Rheins — Dichter, Maler, Victor Hugo, Heinrich Heine, Clemens Brentano. Sie besangen diese Orte, und Bacharach erwachte erneut zum Leben.

Heute zählt die Stadt etwa eintausendachthundert Einwohner. Sie ist kein Freilichtmuseum. Hier wird gelebt, gearbeitet, Kinder werden großgezogen. Winzer pflegen die Reben, Gastwirte empfangen Gäste, Einheimische erzählen in den Schenken Geschichten von ihren Vorfahren. Und all das geschieht vor dem Hintergrund derselben Mauern, derselben Türme, derselben Ausblicke wie vor Hunderten von Jahren.

Versucht man, Bacharach mit einem einzigen Wort zu beschreiben, so ist es „Einheit“. Hier hängt alles zusammen: der Fluss nährt die Weinberge, die Weinberge nähren die Stadt, die Stadt wird von Mauern und Burg geschützt, und die Burg blickt auf den Fluss. Die Fachwerkhäuser stehen dort, wo sie im 14. Jahrhundert standen. Die Ruinen der Kapelle erinnern an die dunklen Seiten der Geschichte, doch auch daran, wie Menschen selbst nach Tragödien Schönheit zu schaffen vermögen. Die Peterskirche versammelt die Gläubigen. Die Burg nimmt junge Reisende auf. Der Wein fließt wie ein Strom — im wörtlichen und im übertragenen Sinne.

Man braucht keine einzelnen Sehenswürdigkeiten zu suchen. Es genügt, einfach die Straße entlangzugehen, umherzuschauen, den Geruch von nassem Stein nach dem Regen einzuatmen und dem Rauschen des Rheins unten zuzuhören. Bacharach erzählt nicht laut von sich. Es flüstert. Und wenn man genau hinhört, vernimmt man seine gesamte Geschichte: von den römischen Weinbauern bis zu den heutigen Winzern, von den mittelalterlichen Kaufleuten bis zu den heutigen Bewohnern, die einfach in einem der stimmungsvollsten Orte am Rhein leben.

Die Stadt verändert sich nicht um der Touristen willen. Sie bleibt sie selbst. Und genau deshalb begreift man beim Fortgehen: Man war nicht in einem Museum. Man war in einem Haus, das schon neunhundert Jahre steht und, so scheint es, noch ebenso lange stehen will. Still, stolz, ein wenig von der Zeit mitgenommen, doch voller Leben. Bacharach.
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